Feuerstuhl No. 1

Mary Low
Sirenen

ln sagenumwobenen Lagunen,
über Meeresbreiten von archaischem Ruhm,
entlang entlegenster,
mythenschwangerer Küsten,
ziehen die Scharen der Sirenen dahin,
von Gesang durchdrungen,
gleich einer Singschule der Schwäne.

Auf dem Wind spielen die Harfen
ihres funkelnden, tönenden Haars,
Zauberklänge verströmend,
ein Regen rufender Stimmen, zart,
gleich Tränen drängend.

Ihre betörenden Gesichter tauchen
aus verwunschenen Wassern empor,
vor fahlem Feuer schimmernd,
sehnsüchtig
glühend,
auf ewig unerreichbar,
von unschätzbarem Wert,
gleich Wort gewordenen Perlen.

Ihr seid noch nicht besiegt

Ihr seid noch nicht besiegt,
ihr könnt noch immer einen Anflug
dieser fabelhaften Freude wittern:
ein wenig Hoffnung für die
Zukunft, ein besseres Leben irgendwann.

Ihr seid noch nicht völlig korrumpiert:
Ihr seid nicht samt und sonders
Luden, Banker, Bullen;
ihr könnt noch immer
einen flüchtigen Blick erhaschen
auf den zutage tretenden Zauber,
der euren fahlen Himmel erschüttert.

Ihr habt enge Herzchen
und die Augen grausamer Kinder,
doch noch besteht Hoffnung für euch.
Versenkt eure schnöde Unlust im Fluss,
lasst eure schäbigen
Zweifel fallen.

Ihr seid noch nicht besiegt:
Es wird schon noch: eines Tages.


© Egon Günther, 2015