Feuerstuhl No. 1

Dale Pendell
Ballade von den hungrigen Geistern

Nicht Atem haben sie, noch Gebein, noch Blut;
sie erscheinen und dann zerrinnen sie.
Ihr einziger Antrieb, bis alles sie
sich einverleibt haben,
ist die Gier nach mehr und nochmals mehr.

Nicht Kinder haben sie oder Familie,
noch Nachbarn oder Schamgefühl;
Eine Art Freibrief ist ihr Geburtsschein,
lediglich des Gewinnes wegen ausgestellt.

Sie werden Körperschaften genannt,
und man billigt ihnen Menschenrechte zu:
Wesen einer Unterwelt,
denen samt und sonders
Fleisch sich fügen muss.

Der Markt hat nichts gemein
mit einem Tropenwald


Denn wo Blattwerk geschichtet als Baldachin in der Höhe, breit
und gefächert auf mittlerer Stufe, im Unterholz als Gestrüpp,
wo am Boden Stauden und Moose das Licht einfangen,

Pilze im Erdreich den Kreislauf zu den Wipfeln schließen,
da ist jede erdenkliche Nische besetzt, gesättigt
mit göttlicher Schönheit im Übermaß*.
Im „Markt“ nimmt ein jeder die Mitte aufs Korn – ein Dreikörperproblem**
stellt sich ein mit eigentümlichen Anziehungskräften,
ein Kreiseln in nutzlosen Schleifen.

Arbeit wird besteuert, Kapital darf frei akkumulieren und
kann abgeschöpft werden –
derlei kommt schon eher überweidetem Grünland gleich,
wo eine jede Generation Futter magerer ist als die vorherige.

Es handelt sich um einen Zaubertrick – wobei als echter Ertrag
nur Geld übrig bleibt, vom Rand der Zukunft gekratzt.
Die unsichtbare Hand steckt in deiner Tasche.


© Egon Günther, 2015