Feuerstuhl No. 1

János Fischer
Die Wahrheit

Der Schuster ist ein einsamer Mann. Als er jung war, hatte er eine schöne, dunkelhäutige Frau, die ihn mit anderen Männern betrog. Er hielt es nicht mehr aus, verließ sie und lebt seither alleine mit seiner Katze. Kundschaft betritt den Laden: Ein Heimatvertriebener, der mal die Ehre hatte, gegen den amtierenden Schach­weltmeister Dr. Aljechin spielen zu dürfen. Jetzt bringt er seine Winterstiefel zur Reparatur. Der Schuster nimmt das schwere Schuhwerk prüfend in die Hand. „So ein gutes Leder gibt es heute nicht mehr. Die Tiere werden nicht mehr so alt, da bleibt die Haut dünn.” Seine wässerigen, hellblauen Augen sind weit aufgerissen, er hält beide Hände in Kopfhöhe, die Finger ausgestreckt und gespreizt wie zwei Antennen.

„Wir haben Dynamos in uns, und je schneller sie drehen, umso heller leuchten wir! Und das ist die Wahrheit!”

Die Stimme ist leise, ein beseeltes Flüstern. Er hält nach dem Satz inne und sinnt den verhallenden Worten nach. Die schwarze Katze liegt auf der Theke und leckt sich die Pfoten. Still ist es im kleinen Laden. Der Schachspieler blinzelt nachdenklich.

„Wir wollen uns wieder an die Arbeit machen,” sagt der Schuster nach einer Pause und reibt die Hände an der Lederschürze.

© Egon Günther, 2015