Feuerstuhl No. 1

Steve Lindauer
Eine mexikanische Sonne

Wir überstürzten nichts, doch wir verliessen Tijuana am nächsten Tag. Jemand (so sagte mal jemand), der an einer Bushaltestelle sitzt, hat ein Ziel vor Augen. Zumindest sehen das die anderen so. Und was sie sehen, ist, was sie denken. Je blutunterlaufener und verkrusteter die Augen, desto gefährlicher die Gedanken und je gefährlicher die Gedanken, desto grauenhafter passt sich die Realität an. Irgendjemand, der uns an jenem Tag in den Bus steigen sah, muss uns mit schweissnassem Rücken dem Teufel preisgegeben haben. Für eine Dose weisser Bohnen oder ein halbes Dutzend Zigaretten. Mit dem Zeigefinger auf die Staubwolke gedeutet, hinter der wir zu verschwinden gehofft hatten.

Wir nahmen diesen Bus, den erstbesten, ohne Blick zurück (oder nach vorne, was das anging), er sollte uns einfach tiefer bringen, tiefer hinein in el corazón de México. Irgendwann nickte ich ein und träumte, ich befände mich an Bord eines Schiffes, das von einem bösartigen Sturm gebeutelt wurde. Ein Schiff, das dem Untergang geweiht war. Den Kapitän hatte man bereits an einen Mast gebunden. Er hatte offensichtlich den Verstand verloren und die abergläubische Besatzung gab ihm die Schuld an ihrem Unglück. „Blut wird nicht in Quadratmetern gemessen!”, schrie der Kapitän, „sondern in Kubikmetern! Nach Gewicht, ihr Idioten, nicht nach Ansehen! Blut, mit Staub vermischt, schafft es, Pferde zum Stolpern und Schiffe zum Kentern zu bringen! Ahahaha!” Ein chinesischer Matrose, gelb wie eine Ananas, wankte zu ihm rüber und rammte ihm eine Harpune in den Mund. Dann fing es an zu schneien, und kurz darauf befanden wir uns in einem Sandsturm. Das Schiff war verschwunden – wahrscheinlich gesunken – und die Besatzung sass verschlafen auf einer Sanddüne. Dünen, so weit das Auge reichte. Der Einzige, der sich bewegte, war der Chinese. Er zupfte unsere Seelen von seiner Harpune und klebte sie mit Zeigefinger und Daumen an eine Wäscheleine, die sich im Getöse des herumwirbelnden Staubes verlor. Dann ging er vom einen zum anderen, klopfte uns beherzt auf den Rücken, bis wir ein paar glühende Kohlen und einen vogelnestgrossen Blutkuchen aus uns heraushusteten, den er behende auffing und mit einem Zahnstocher an unsere Seelen heftete, die mittlerweile wie tote Dachse von Ost nach West im Wind baumelten und vor sich hindörrten, irgendwo in der Wüste von Sonora, während sich die Moleküle in unseren Körpern neu ordneten, einem feindlichen Heer gleich (wie Schiffsmaat William Cody Maher das prophezeit hatte), ein Heer, welches nicht in Eile war, sondern vielmehr auf zermürbende Belagerung setzte. Als ich aufwachte, blutete ich aus meiner Nase. Johnny reichte mir ein Taschentuch, und ich fragte nach einem Ice Tea, doch sie hatten nicht mal Wasser zur Hand. Da draussen, dachte ich, im weitläufigen Chihuahua, gab es Koyoten und Wölfe, die mit einer ähnlichen Mischung zu überleben hatten. Bestien, die sich selbst auffressen würden, wenn sie dazu imstande wären. Doch sie waren nicht dazu imstande. Stattdessen waren sie gezwungen durchzuhalten, weiterzulaufen, mit der Zunge im heissen Wind. Durstige Raben fielen von knochigen Ästen, ohne sich zu beschweren. Einige rappelten sich zitternd wieder auf. Andere blieben liegen, ebenfalls zitternd, bis auch das irgendwann aufhörte. Ich beobachtete meinen Freund Johnny, wie er die Kiefer in der Hitze malmen liess, und plötzlich machte ich mir keine weiteren Gedanken. Sollte ein Gewitter aufziehen, unsere Gehirne würden es frühzeitig registrieren und sich um die Scheunentore kümmern. Es ist ein schönes Gefühl, dem Körper die Kontrolle zu überlassen und die Augen zu schliessen. Es ist wie schlafen in einem Käfig, aus dem man auszubrechen weiss. Ein Käfig, aus dem man sich herausträumen konnte. Oder hinein, je nach Bedarf.

Wer kann es uns also verübeln, dass man uns an irgendeiner (imaginären oder echten) Grenzkontrolle, mitten in der Nacht, weiss der Teufel wo, in einem schlaftrunkenen Moment mit unfairen Lampen, welche die Blässe unserer Knochen entblössten und das Weiss unserer Augen gelb erscheinen liessen und die schwarze Tiefe unserer dösenden Pupillen verhöhnten und auszunutzen wussten, das Kassettenradio abnahm, die Quelle der Musik raubte oder vergessen machte, was wohl eher zutrifft, denn weder Ciacci noch ich hätten jemals ohne Keilerei auf diesen freudespendenden Automaten verzichtet, wären wir nicht von grösseren Kräften übertölpelt worden, sprich, während wir mitten in der Nacht einem Beamten unsere leeren Hosentaschen zeigten und von hypnotisierenden Stablampen rehgleich geblendet wurden, griff sich ein anderer (höchstwahrscheinlich ebenfalls Uniformierter) – (oder weiss der Teufel wer, vielleicht auch ein splitternackter Irrer, der aus dem Nichts aufgetaucht war, stümperhaft als Gebüsch verkleidet) – unser Radio. Und damit hatte es sich bis auf Weiteres mit der klangvollen Untermalung unseres plauschigen Sonntagsausflugs. Doch weiter ging die Reise, wenn auch klanglos, so doch nicht farblos, denn die Reise geht schwärzlich weiter, wie Ira Cohen einst während einer Zugfahrt notierte, kurz bevor sie alle von einem Schwefeltunnel im Inneren der Schweiz verschluckt wurden.

Trotz des Verlustes waren wir guter Laune. Wir befanden uns in Bewegung. Mit etwas Glück würden wir ein paar Stunden Schlaf finden. Mit etwas Glück würde uns eine Sonne wecken, die uns noch nie geweckt hatte. Eine Sonne des Südens, eine neue Sonne, die nicht den mehligen Geschmack von verklumptem Optimismus in sich trug. Eine Sonne, die sich leicht entzünden liess. Eine Sonne, die sich selbst rechtzeitig aus dem kochenden Wasser zog. Hinein in eine türkisfarbene Lagune, in der es nicht nach Verbranntem roch, egal wie lodernd die Leidenschaften waren. Weder eine griechische Sonne, noch eine römische Sonne; nein, eine mexikanische Sonne. Eine Sonne, unerfahren und unberechenbar wie ein Kind.


© Egon Günther, 2015