Feuerstuhl No. 1

Surrealistische Billets
Achille Chavée · Wasserzeichen

Zum Sprung geducktes Universum
Fontänen südwärts ziehender Schwalben
Zwischen den fallenden Vorhängen
Die hundert verkommenen Geheimnisse
Das große Schwert ist mit dem Strom
Den fernen Quellen gefolgt
Das insolvente Herz der Wolken
Hat sich für unser Verlangen zugrunde gerichtet


Marcel Mariën · Die Fremde

Sie trägt Argwohn zusammen und verwandelt ihn
in Blumen

Sie hat purpurfarb‘nen für gezinkte Amouren
Fahlgelben für laszive Gelüste
Meergrünen für gekünstelte Erinnerungen
Goldbraunen für ängstliches Schweigen

Sie hat weinroten für unterdrückte Hassgefühle
Grauweiß gesprenkelten für neidische Seufzer
Strohgelben für verstohlene Blicke
Kastanienbraunen für die billige stets willkommene
Boshaftigkeit

Vom Einschlafen bis zu den ersten Stufen des Morgens
Gleitet die Nacht in ein enges Labyrinth hinein
In dem der endlose Sturz der Begierde die Totenglocke
läutet
In dem der Baum ein Boden aus Rindenteppich ist
Und der Wind ein riesiges Segelschiff ohne Rumpf
und Takelage

Überzeugend bis hin zu Tränen
Einladend wie eine Sackgasse die im Finsteren liegt
Schmäht sie die Welt
Spuckt ihr ins Gesicht
Und ihre erregte Hand streift mit Abscheu ihre
eigenen Finger.


Paul Nougé · Der rätselhafte Menschenzug

Unter einem weiten, grauen Himmel, inmitten einer endlosen, staubigen Ebene, die so grau ist wie der Himmel und die kein Weg durchquert (vergebens würde man den Schatten eines Baums oder auch nur eine Distel, das Plätschern von Quellwasser oder die Spiegelung eines Tümpels suchen), begegnen mir mehrere Männer, die gebeugt wie unter dem Gewicht einer bleischweren Last daherziehen, deren Beschaffenheit zu erkennen mir zunächst schwer fällt.

Doch als sie mir näher kommen, sehe ich, dass ihre Bürde eine ganz andere ist, als ihre Art zu gehen es vermuten ließ, kein allzu schwerer Sack Kohle oder Mehl, sondern ein monströses Tier, das denjenigen, der es trägt, mit seinen vielen geschmeidigen, kräftigen Muskeln fest umschlungen hält und niederdrückt.

Das Tier − ein fantastisches, zugleich grauenvolles und irgendwie hinreißendes Tier − schlägt über dem Kopf des Mannes, der mit geschlossenen Lidern vor sich hin stapft, die Augen auf.

Da wende ich mich an einen der Wanderer, ich will wissen, wohin er geht, und frage ihn nach den Gründen für seine Wanderung. Das wisse er nicht, antwortet er mir, er selbst so wenig wie die andern, aber ganz offensichtlich gingen sie irgendwohin, vorangetrieben, wie sie‘s würden, von einem unbezwingbaren Drang zu gehen. Dann schweigt der Mann, anscheinend ohne sich der befremdlichen Dürftigkeit seiner Antwort bewusst zu sein, und es gelingt mir nicht, mir eine neue Frage auszudenken.

Doch ich stelle etwas Seltsames fest: Keiner der Wanderer wirkt ungehalten über das an seinem Hals hängende und auf seinem Rücken klebende Tier; jeder scheint es als Teil seiner selbst zu betrachten. Alle diese müden, ernsten Gesichter drücken keinerlei Verzweiflung aus; unter diesem öden, farblosen Himmel ziehen sie, die Füße in den Staub eines Bodens setzend, der so trostlos wie der Himmel ist, mit dem schicksalsergebenen Gesichtsausdruck derer ihres Weges, die dazu verdammt sind, immer zu hoffen.

Und der Zug geht an mir vorbei, taucht in den Dunstkreis des Horizontes, dorthin, wo sich die gekrümmte Oberfläche der Erde unsrer letzten Neugier entzieht.

Ich aber will unbedingt hinter den Sinn dieses rätselhaften Zuges kommen, und ich habe das Gefühl, dass mir das auch bald gelingen wird, als plötzlich eine unwiderstehliche Gleichgültigkeit Besitz von mir ergreift, lastender noch und niederdrückender, als es für diese Männer ihre seltsame lebende Bürde war.


© Egon Günther, 2015